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Gegen das Vergessen! – Adelsberger Schicksale im Bombenhagel 1945

Acht Jahre nach ihrer Ausbombung in Chemnitz/Adelsberg am 14.02.1945, schrieb Gertrud Lehmann dieses Gedicht für ihre drei Kinder, damit die Erlebnisse der Familie in der Kriegs- und Nachkriegszeit nicht in Vergessenheit geraten. Ausgebombt wurde sie mit Ihren Kindern aus der ehemaligen Kinderkolonie, die zu dieser Zeit Unterkunft für viele Familien bot (damalige Straße "An der Kirche 9", jetzt "Kirchwinkel"). Herzlichen Dank an Frau Christine Lehmann und Herrn Gottfried Lehmann für die Zustimmung das Gedicht seiner Mutter, wie auch andere persönliche Zeitdokumente der letzten Kriegswochen 1945 hier zu veröffentlichen.

An meine Kinder

Wißt Ihr noch, wie's heut vor acht Jahren war ?
Wißt Ihr noch, es war doch furchtbar,
als unser Heim in hellen Flammen gestanden
als alles, was uns lieb und wert, ja alle Sachen verbrannten.

Eng aneinander geschmiegt standen wir im Wald,
in jener Februarnacht war es ziemlich kalt.
Wie gern wäret Ihr doch in Euer Bettchen gekrochen
und hättet gern die mollige Wärme gerochen.

Doch aus war es mit uns´rer Ruh
hier standen wir nun und sahen zu,
wie die gierigen Flammen alles beleckten
um sich mehr und mehr auf das phosphordurchtränkte Haus erstreckten.

Entsetzt, doch voller Vertrauen schautet Ihr zu Eurer Mutti empor,
zu mir, die ich selber innerlich fror,
denn Schreck durchzuckte mich, ich verspürte Schmerzen
trug ich doch Euer Schwesterchen noch unterm Herzen.

Es klopfte schon ganz energisch an,
denn die Zeit wie ich wußte war nun rann.
Doch als hätte sie gewußt, daß für sie kein Bettchen mehr bereit
ließ sie sich - wie gut - noch etwas Zeit.

Wir standen bis mitleid´ge Seelen gekommen
und uns für zwei Nächte aufgenommen.
Ohne Obdach waren wir auch dann nicht, daß wäre gelogen,
weil wir wie Ihr wißt´s, zur Tante nach Klaffenbach gezogen.

Wißt Ihr noch wie glücklich ich war,als ich acht Tage später ein gesundes Kind gebar ?
Ich weiß es noch, als wär es heut,
wie Ihr Euch über das ersehnte Schwesterchen gefreut.

Und Du mein Ältester weißt Du noch
wie sehr Du Deine Geige vermißt ?
Sie war Dir damals genau so teuer,
wie sie Dir heut´ noch ist.

Natürlich ist's nicht dieselbe, halt sie in Ehren,
solltest Du mal deinen Kindern lehren,
das Geigenspiel, daß Du nicht solltest missen
so erzähl´ Ihnen Ihre Geschichte, sie sollten sie wissen.

Du weißt, eine Mutter, der ich erzählt,
daß Du manch stille Träne vergossen,
gab Dir Geige Ihres Sohnes,so hat sie's mit ihrem Mann beschlossen.
Sie meinte auf ein Foto Ihres Sohnes zeigend,
worauf er stand eben geigend.Auch ihm war sie das Liebste von allen.
Er ist, hier stockte sie, bei Stalingrad gefallen.
Sie strich noch einmal darüber in verhaltenen Schmerz.
Diese Geste dieser Mutter, sie schnitt mir in´s Herz.

Und Du mein Gottfried, der nun schon ein tüchtiger Lehrling bist.
Wie sehr hast Du Dein vieles Spielzeug vermißt.
Weißt Du noch, der Spielschrank, er stand ganz hinten an der Wand ?
Wie jäh riß man Dich aus dem Kinderland.

Als es wieder Spielzeug gab, es geschah nicht sobald.
Hieß es: Nun hat es keinen Zweck, jetzt bist Du zu alt.
Vielleicht weil man Dir das alles enthielt,
bist Du noch gern ein bißchen verspielt.

Was wir dann noch alles erlebt
wie wir dann noch manchmal erbebt.
Ihr wißt es, doch ich will versuchen in lebendigen Bildern
auch dieses euch noch einmal zu schildern.

Wißt Ihr noch, wie oft das Häuschen in den Fugen gekracht,
wie oft wir uns zur Flucht zurechtgemacht.
Wie Euer Schwesterchen staunend um sich geschaut,
wenn wir schützend uns um sie aufgebaut.

Am 5. März, das Herz krampfte es uns zusammen,
sahen wir doch aus der Ferne, Chemnitz stand in Flammen.
Und wißt Ihr noch was dann später noch war,
die traurige die schändliche Tieffliegergefahr.
Als hätten sie nur mit den Waffen gespielt,
haben sie auf alles, auch auf uns mal gezielt.

Wißt Ihr noch ? Während wir den Garten bestellt,
haben wir unser Mädel in die Sonne gestellt.
Sie sollte die schönen Frühlingstage genießen,
braucht doch ein Kind die Sonne genau wie die Blume zum sprießen.

Wie oft rieft Ihr dann durch´s Haus, das es geschallt.
Es brummt in der Ferne, Flieger kommen bald.
Dann hab´ ich, Ihr wißt´s es ist nicht gelogen,
oft 10 mal am Tag den Schwingern in den Schuppen gezogen.

Und wißt Ihr noch wie mal ein Ari´ Splitter an uns vorbeigeschwirrt
und bei uns sich im Garten verirrt ?
Und auch das werdet Ihr noch wissen,
wie wir uns dann weiter so durchgebissen
und wie wir uns vom Grünen ernährt, fast wie das Vieh.
Das meine lieben Kinder, das alles, vergesst es nie!

Und dann welch´ schöner Tag war es doch,
als wir nach langem Warten
vom Vati die Nachricht erhielten: "Ich lebe noch"
Und eines Tages hatten wir das Glück
und er kam zu uns gesund zurück.
In seinem Propus steht es heute noch zu lesen,
bis Ende "48" in Kriegsgefangenschaft gewesen.

Weißt Du noch mein Mädel, wie Dir Dein kleines Herzlein geklopft,
wie Dir die Tränen über die Bäckchen getropft ?
Weil dieser fremde Mann, der eben mit dem Zug gekommen
Dich einfach so in Besitz genommen.
Weil er, der auch Dich bis dahin nicht kannte,
Dich lachend und weinend " Dein Vati " nannte.

Wie von einem bösen Zauber waren wir bis dahin versponnen.
Erst dann hat unser Leben erst richtig begonnen.
Und das man schon wieder vom Krieg spricht, das ist doch vermessen
drum merkt´s euch gut, ihr sollt es nie vergessen.

Ein Krieg hat noch keinen glücklich gemacht,
er hat stets viel Leid über die Menschheit gebracht.
Drum ruft es laut, daß es alle hören.
Nie wieder soll ein Krieg unsere Heimat zerstören.
Wir wollen unsere Heimat immer schöner gestalten
und Freundschaft mit allen Völkern halten.

© 1953 Gertrud Lehmann

Gertrud Lehmann, hochschwanger in den nahe gelegenen Wald geflüchtet, sah aus der Ferne mit Ihren zwei Söhnen das ausgebombte Zuhause, die Kinderkolonie, niederbrennen. Ihr Mann war an der Kriegsfront und sie galt nun als „total-bombengeschädigt“. Ihre Schwägerin Margarete, ebenfalls aus einem der vier Häuser der Kinderkolonie ausgebombt, fand mit ihren Kindern bei Bekannten in Adelsberg Unterkunft, während Gertrud Lehmann nach Klaffenbach mit in ein Siedlungshäuschen ihrer Schwester zog. Neun Tage nach der Zerstörung ihres Heimes an der Adelsberger Kirche brachte sie in Klaffenbach ihr drittes Kind, Tochter Elfriede, zur Welt.

Der bedrückende aber auch hoffnungsvolle Briefwechsel zwischen den beiden Frauen (im folgenden sind Auszüge zu lesen) in Klaffenbach und Adelsberg ist Zeugnis für unzählige Schicksale während des zweiten Weltkrieges. Die Briefe sind vom Wochenbett geschrieben und handschriftlich erhalten, wenn auch sehr dürftig – es gab kein Papier.

Auszug des Briefes vom 24.02.1945 von Gertrud Lehmann aus Klaffenbach an Ihre Schwägerin Margarete in Adelsberg, geschrieben im Wochenbett:

Liebe Gretel, Kinder und Schwestern! Klaffenbach, den 24.02.1945

Euch allen die freudige Mitteilung, dass am 23.02. früh 5.00 Uhr das ersehnte Töchterchen das Licht der Welt erblickt hat.

Beide sind wir gesund und munter.

Es ist bei uns jetzt allerhand Hochbetrieb, die Kinder sind ganz aus dem Häuschen und bestaunen fortwährend das kleine Wunder. Wie geht es Euch? Hoffentlich gut!

Wir denken oft an Euch und denken daran wie ihr Euch eingerichtet haben werdet. Wir fühlen uns hier recht wohl und doch ist es ein seltsames Gefühl, dass plötzlich alle Brücken nach unserem lieben Adelsberg abgebrochen sind und wir keine eigentliche Heimat mehr haben. [...]

verlorenewerte

bombenbescheinigung

Aufzählung der verlorenen Wertgegenstände durch Ausbombung sowie
Bescheinigung des Bürgermeisters von Adelsberg über einen totalen Bombenfliegerschaden

2 Tage später, am 26.02.1945, die Antwort aus Adelsberg von Margarete Lehmann:

Meine liebe Gertrud, Siegfried und Gottfried! Adelsberg d. 26.2.45

[...] Auch meine zwei Mädeln und ich würden gern den Familienzuwachs besehen. Aber leider, der Weg ist zu weit. Die Kinder haben seit gestern wieder Schule. Hat Siegfried wieder Unterricht?
Wer hätte gedacht, dass wir so plötzlich auseinander kommen würden. Uns geht es Gott sei Dank gut und Stopps versuchen, uns es so schön wie möglich zu machen. Aber unser schönes Zuhause fehlt uns doch. Was wir hatten, kann uns kein Reich wieder ersetzen. Wenn man an den Trümmern vorübergeht, bricht der Schmerz von neuem los. Sogar den Kindern geht es so. Sei froh dass Du davon nichts siehst. [...]
Deine Gasmaske (...) hattest Du bei Uhligs liegen gelassen. Ich habs inzwischen in Verwahrung. Deinen Fliegerschein schicke ich Dir mit. Schreib nur tüchtig Anträge. Bezugsscheine bekommt man, da sind sie sehr freigiebig, aber ob man dafür was bekommt??? [...]

Ich war zur Beerdigung mit. 20 Personen kamen in ein Grab, draußen auf dem neuen Teil. Hansel liegt neben seiner Großmutter und Schmidts bei H. Schmidts. [...] Also waren 23 Tote zu beklagen. [...]

Doch nun meine liebe Gertrud wünsche ich Dir und Deinen Lieben weiter alles Gute und bin mit vielen herzlichen Grüßen Deine Schwester Gretel und Kinder.

Bezugsschein für Bombengeschädigte

Bezugsschein für Bombengeschädigte

Am 11.03.1945 folgt ein weiterer Brief aus Adelsberg nach Klaffenbach. Inzwischen, am 5.03.1945, hatte der große Angriff auf Chemnitz stattgefunden. Nach diesem Schicksalstag für die Stadt Chemnitz wurde auch Adelsberg nochmals schwer angegriffen.

Meine liebe Gertrud, Siegfried, Gottfried und Elfriede ! Adelsberg, d. 11.3.45

Endlich sollst Du Deine Fliegerbescheinigung bekommen. Gern hätte ich sie eher geschickt, aber auf dem Rathaus geht's ja drunter und drüber. Seit dem Angriff am 5.03. wird ja auch keine Post befördert. Heute wollten sie nun wieder versuchen etwas mit in die Stadt zu bringen. Habt Ihr in Klaffenbach viel davon gemerkt? Hier (in Adelsberg) wars wieder ziemlich schlimm. Bei dem Mittagsangriff gabs im Ort 39 Tote. Holz-Lungwitzens sind völlig niedergebrannt. In der Ludwig Schmiede waren es allein schon 11 Tote. Die ganze Familie ist ums Leben gekommen. In der Nacht hats dann auch hier hausen wieder mächtig gebrannt, die ganzen Güter, Polster, Meinhold, Meyers Webers und noch einige sind weg. Unser schönes Adelsberg sieht furchtbar aus. Morgen werden nun die Opfer von der vergangenen Woche beerdigt. – Wir sind Gott sei Dank gut davon gekommen. Doch haben die paar neuen Häuser hier tüchtig gelitten. Die Fenster waren fast alle klar. Auch Stopps hatten eine Brandbombe aufs Dach bekommen. Konnten es aber Gott sei Dank noch löschen. Hast Du von Herbert Post? Oder ist er gar da? [...] Wir denken viel an Euch und möchten auch gern mal die kl. Elfriede sehen. Aber wer geht jetzt gern von Hause weg... [...]

Gertrud Lehmann antwortet auf diese zwei Briefe am 23.03.1945 aus ihrer Unterkunft in Klaffenbach.

Liebe Gretel, klein Gretel und Christel! Klaffenbach, den 23.03.1945

[...] In der Nacht zum 23. während ich schon Wehen hatte, hat Elly sich an die Nähmaschine gesetzt und schnell aus altem Bettzeug vom Roder Vater Hemdchen und Windeln genäht. Elly hat ihr Kinderzeug an Bessarabins Deutsch verschenkt. Jetzt erst kann ich für mein Zigeunerprinzesschen, wie wir sie nennen, etwas zum anziehen kaufen. Aber wo?? Auch hab ich noch keine Aussicht zu einem Bettchen zu kommen. Wir haben mein Puppchen wie das Christuskind, auf Stroh in einer Krippe liegen, das heißt, auf einem Strohsack im Wäschekorb. Aber die Hauptsache ist sie fühlt sich wohl und gedeiht. [...]

Es krampft mir das Herz zusammen wenn ich lese wie schwer unser liebes Adelsberg getroffen worden ist. Wir sorgen uns jedes Mal mit um Euch wenn ein Angriff ist. Elly kennt so die Richtungen, hier kann man alles übersehen und weiß schon ungefähr wenn Adelsberg mit dran war. Auch Klaffenbach ist nicht verschont geblieben, 7 Häuser sind weg und etliche nicht mehr bewohnbar. [...] Herberts Arbeitsstätte ist weg, auch Siegfrieds Schule. Wie geht es Deinen Schwestern, haben sie noch ihre Arbeitsstätte?

Ihr werdet schön erschrocken sein, als es auch Stopps beinah erwischt hätte, da währet Ihr beinah wieder obdachlos geworden. Die Adelsberger Neuigkeiten interessieren mich sehr, wie ich mich überhaupt über Deine Briefe besonders freue. [...]

Hast Du mal was gehört was mit unseren Gärten wird? Am liebsten möchte ich beim Felix die 5 Mark Gartenpacht für dieses Jahr noch bezahlen, damit ich in Ruhe mein Zeug alles rausholen kann. [...]
Außerdem bin ich noch nicht in dem glücklichen Besitz eines Kinderwagens. Wenn Du jemand weißt die einen haben, ich tausche dagegen mein oder Herberts Fahrrad.
Wie ist es mit den Kellern, bleiben sie vorläufig so stehen? Auch da ist noch Zeug drin was ich noch holen muß. Erich könnte Dir bei der Gelegenheit meinen Kellerschlüssel geben, damit ich ihn bei Dir abholen kann.

So das wäre glaube ich alles was ich auf dem Herzen hatte, es geht ein bisschen drunter und drüber aber ich denke Du wirst mir verzeihen, ebenso mein Gekraxel im Liegen geht es nicht besser.

Nun lasst es Euch gut gehen und bleibt vor allen Dingen gesund.

Es grüßen Euch, auch Deine Schwestern und Familie Stopp herzlichst,

Eure Klaffenbacher und Roders

Auch wir waren ohne Licht und Wasser, das heißt wir mussten es aus dem Brunnen schöpfen, weil die elektrische Pumpe nicht ging [...]

Gertrud Lehmann schrieb auch ihrem Mann, der an der Front stationiert war und so die Geburt seiner Tochter wie auch das Schicksal seiner Frau und den Söhnen nicht miterlebte. Wenig später gerät er in russische Kriegsgefangenschaft und kann erst nach drei Jahren seine Familie wiedersehen.

Umgeleiteter Brief vom ausgebombten Adelsberger Zuhause nach Klaffenbach

Umgeleiteter Brief vom ausgebombten Adelsberger Zuhause nach Klaffenbach

Im folgenden Brief vom 15.04.1945, bittet Gertrud Lehmann ihren Mann die neue Adresse in Klaffenbach anzugeben, - er hatte bis jetzt an die alte ausgebombte Adresse in Adelsberg geschrieben.
Liebs Vatl! Klaffenbach Sonntag den 15.04.1945

Ich will Dir noch schnell mal schreiben, damit Du Dich nicht allzu sehr sorgst, seit vorgestern liegen wir unter Ari-Beschuß, wir ist eigentlich zuviel gesagt, denn hier ist noch nichts reingeflogen, aber es brummert ganz schön den ganzen Tag und die ganze Nacht, es soll Siegmar sein, es wird auch noch mehr erzählt und man weiß jedoch nicht was wahr ist.

Wer hätte jemals geglaubt, dass wir einmal Frontgebiet werden würden, aber ich glaube bestimmt wenn Du diesen Brief erhalten wirst, ist alles schon wieder vorbei. Glaube ja nicht, dass wir mutlos sind und mit uns hoffen noch viele andere auf eine gute Wendung, die Mutlosen sind nur die mit schwachen Herzen. Es ist recht gut, dass ich jetzt mit Elly zusammen wohne. Zu zweit lässt sich alles viel leichter tragen. Auch die Kinder lassen sich nicht erschüttern und bleiben nach wie vor tapfer. Die Luftangriffe die wir schon hinter uns haben waren viel schlimmer und auch da haben wir uns nicht erschüttern lassen. Es ist nur alles so neu.

Mein lieber Schatz, ich kann nicht mehr weiter schreiben die Augen gehorchen einfach nicht mehr, außerdem muß ich noch unserem Püppchen zu trinken geben. Hoffentlich haben wir eine einigermaßen ruhige Nacht, da sind wir schon dankbar. Also sorg Dich ja nicht um uns, wenn man mitten drin steht ist alles halb so schlimm. [...]

Lieber Vatl! Es ist nicht richtig, dass Du Deine Briefe weiterhin nach Adelsberg adressierst, dadurch bekomme ich sie noch eine Woche später und es langt so schon zu. Also bitte hierher!

Es donnert wieder ziemlich sehr und am Horizont zeichnen sich Brände ab.
Dir noch zur Kenntnis: Abrücken werden wir voraussichtlich nicht, wir wüssten ja gar nicht wohin, habe auch immer noch keinen Kinderwagen. Mach Dir jedoch keine Gedanken wir werden uns schon zu helfen wissen.

Aus einem Brief von Margarete Lehmann aus Adelsberg an ihren Mann an der Front in Russland, vom 20.02.1945:

Adelsberg, den 20.02.1945

[...]
Ja mein guter Vati. Wir haben viel durchgemacht, es hilft aber kein Klagen, wir müssen eben sehen was wird. Aber schwer ist es in paar Minuten um sein Hab und Gut zu kommen.

Wer hätte das von unserem friedlichen Dörfchen gedacht. Den 14. Februar wird wohl von uns keiner vergessen. In den Mittagsstunden gabs Alarm, Gott sei Dank war Herr Neuber da und wir nicht ohne jeden Rat und Hilfe. Bei dem Angriff traf es schon unseren Ort, unter anderem auch Schmidts Haus eine Sprengbombe zerstörte das Haus und verschüttete alle Einwohner. Erna hat 8 Stunden unter den Trümmern gesteckt und die Hand ihres toten Hansel gehalten. Schmidt Mutter Flora und die Kleine vom Fleischer Werner sind tot. Fleischer Werner, der wieder auf Urlaub war, liegt noch verletzt im Krankenhaus und Frau Fleischer auch. Am Mittwoch war ich mit zur Beerdigung, 23 Tote, 20 kamen in ein Massengrab- 3 Schmidts für sich. Mir tat die arme Erna furchtbar leid. Vom Hans keine Nachricht und Hansi tot. Wenn man durch den Ort geht, es reißt einem das Herz raus. [...]

Und nun kann man nur noch unsere Wohnstätte als ausgebombte Ruine besehen.

Köhlers Gut, Neubert Max, die Schule, Reinholds, Markerts, die Mühle zum Teil, sind niedergebrannt, Gemeindehaus und noch andere sind durch Sprengbomben zerstört.

In der 8. Stunde gabs wieder Alarm. Innerhalb 5 Minuten stand unser Haus [ein Gebäude der Kinderkolonie] lichterloh in Flammen. Wir zogen in den Wald und haben mit unseren Kindern bei Regenwetter unser Anwesen niederbrennen sehen, was das heißt, kann sich keiner der es nicht erlebt hat vorstellen.